Am 21. März feiern wir den Internationalen Tag des Waldes. Während man schnell an ferne Regenwälder denkt, haben wir in Wien das Glück, ein echtes Naturwunder direkt vor der Haustür zu haben. Der Biosphärenpark Wienerwald ist weit mehr als nur eine schöne Kulisse für den Sonntagsausflug zum Hermannskogel oder eine Fahrt mit der Linie 43 ins Grüne. Er ist ein hochkomplexer „Superorganismus“, der durch die Speicherung von CO2 und als natürlicher Schutz vor sommerlicher Hitze eine zentrale Rolle im Klimaschutz unserer Stadt spielt.
Die größte Klimaanlage der Stadt
Der Wienerwald ist ein physikalisches Kraftpaket. Ein einziger ausgewachsener Laubbaum verdunstet an heißen Tagen so viel Wasser, dass er die Kühlleistung von 10 herkömmlichen Klimaanlagen erbringt. Rechnet man das auf die gesamte Waldfläche des Biosphärenparks hoch, kühlt dieser „grüne Gürtel“ unsere Stadt mit der Kraft von über 25 Millionen Klimaanlagen – völlig kostenlos und ohne Stromrechnung. Doch er kann noch mehr: Er ist ein gigantischer Schwamm. Ein einziger Quadratmeter Waldboden kann bis zu 200 Liter Wasser speichern. Diese Speicherfähigkeit schützt uns effektiv vor Starkregenereignissen und sichert gleichzeitig die Qualität unseres Trinkwassers.
Naturnahe Pflege: Warum der Wald uns braucht
Ein gesunder Wald ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess. Im Biosphärenpark Wienerwald wird auf naturnahe Waldpflege gesetzt, um die Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und Stürme zu stärken. Das bedeutet auch, dass manchmal gezielt Altbäume entnommen werden müssen. Nur so erreicht genügend Licht den Boden, damit junge, aus Samen gewachsene Bäume nachrücken können. Diese „Naturverjüngung“ ist besonders anpassungsfähig an den Klimawandel. Dabei bleibt Totholz, wie liegengelassene Baumkronen, bewusst im Wald. Es dient als Nährstoffspeicher und Lebensraum für unzählige Pilze und Insekten. Auf mindestens 10 % der Fläche darf sich der Wienerwald in sogenannten Kernzonen sogar völlig ohne menschlichen Eingriff entwickeln.
Ein Wald voller Vielfalt
In dieser scheinbar stillen Umgebung verbirgt sich eine biologische Vielfalt, die bemerkenswert ist. Wer im Wienerwald eine Handvoll Boden aufhebt, hält darin – dank Milliarden von Mikroorganismen – mehr Lebewesen in der Hand, als Wien Einwohner*innen hat. Neben diesem unsichtbaren Mikrokosmos beherbergt der Wienerwald über 5.000 Tier-, 2.000 Pflanzen- und über 800 Pilzarten und ist damit einer der artenreichsten Lebensräume Mitteleuropas. Ein besonderer Bewohner rückt dabei 2026 als Baum des Jahres in den Fokus: die Europäische Lärche. Als einziger heimischer Nadelbaum wirft sie im Winter ihre Nadeln ab und fördert durch ihre lichtdurchlässige Krone einen besonders reichen Unterwuchs am Waldboden. Sie ist eine wahre Überlebenskünstlerin, die bis zu 1.000 Jahre alt werden kann und zeigt uns eindrucksvoll, wie spezialisiert und anpassungsfähig unsere heimischen Baumarten sind.
Schützen, was uns schützt: Ihr Beitrag
Trotz seiner Robustheit ist der Wienerwald durch den Klimawandel und den hohen Nutzungsdruck einer wachsenden Metropole herausgefordert. Doch wir können ihn unterstützen. Ein respektvoller Umgang beginnt bereits beim Betreten des Waldes: Wer auf den markierten Wegen bleibt, schenkt Wildtieren die nötigen Ruhezonen, damit sie ihren Energiehaushalt stabil halten können. Besonders wichtig ist es außerdem keinen Müll zu hinterlassen. Zigarettenstummel verunreinigen das Grundwasser und sind, wie Plastikmüll, eine Gefahr für das Ökosystem Wald.
Hunde an der Leine zu führen, ist im Biosphärenpark kein bloßes Gebot, sondern aktiver Artenschutz. Unser Tipp: Nutzen Sie den heutigen Tag für einen Ausflug in „Wiens wilden Westen“! Beobachten Sie das erste zarte Grün der Buchen und die frischen Nadeln der Lärchen. Wer den Wald versteht, schützt ihn ganz automatisch.
© Fotos: Benedikt Heger
